
Quartier macht Stadt!
Unter diesem Titel diskutierten am 2. November in Berlin Vertreter aus den Berliner Senats- und Bezirksverwaltungen sowie Repräsentanten aus Vereinen, Initiativen, Verbänden und Schulen über die Zukunft von besonders problembehafteten Stadtteilen. Einig war man sich darüber, dass Berlin diese Stadtteile nicht sich selbst überlassen darf. Denn, wenn es einigen Teilen der Stadt schlecht geht, dann zieht das die gesamte Stadt in Mitleidenschaft. Eine Stadt gründet auf ihren Quartieren. Für die schwächsten unter ihnen läuft in Berlin seit 1999 das sogenannte "Quartiersmanagement". Was es bislang bewirkte und wie es zukünftig die Quartiere noch mehr stärken kann, stand im Mittelpunkt der Diskussion.
Ihren Höhepunkt erlebte die Veranstaltung gegen Ende als die Moderatorin aufforderte, sich in das Jahr 2010 zu versetzen und vorzustellen, was das Quartiersmanagement bis dahin erreicht haben wird. Ohne lange zu zögern, entwarf die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, ihre Vision. Ihr zufolge wird das Quartiersmanagement so erfolgreich die schwachen Quartiere gestärkt haben, dass sich die wohlhabenden Stadtteile eifersüchtig auch gern dieses Instrument wünschten. Eine ganze Reihe von Schulen in den problembehafteten Quartieren wird eine solche Attraktivität erreicht haben, dass sie Zulauf von Schülern aus ferner gelegenen Stadtteilen mit privilegierteren sozialen Schichten bekommen. Dem ist vorausgegangen, dass sich der Berliner Senat darauf verständigte, den Schulen in Problemkiezen mehr finanzielle Mittel auf Kosten von Schulen in "besser" gestellten Stadtteilen zu geben. Dieser Transfer wird wiederum Bestandteil einer Politik des innerstädtischen Wertausgleichs zwischen privilegierten und benachteiligten Quartieren sein. Hierauf hat man sich nach vorausgegangenen heftigen Debatten geeinigt. Im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain wird ein Pilotprojekt zur Bürgerbeteiligung in Finanzfragen des Bezirks erfolgreich abgeschlossen und nach Entscheidung des Bezirksparlaments ins Regelwerk eingeführt. Demnach wird ein festgelegter prozentualer Anteil des Bezirkshaushalts als Bürgerhaushalt deklariert. Bewohner des Bezirks entscheiden über dessen Mittelnutzung. Schließlich wird es nicht mehr Quartiersmanagementgebiete als heute geben, weil existierende Stadtteilzentren und Nachbarschaftsläden in den bis dahin neu entstandenen problembehafteten Stadteile vorbeugend wirksam und stabilisierend wirken konnten, so dass es keines zusätzlichen Quartiersmanagements mehr bedarf.
Dieser Zukunftsvision ging ein eigens für diese Veranstaltung erstellter Film über die Arbeit im hier und jetzt von Quartiersmanagern und die Diskussion über die Erfahrungen mit dem Quartiersmanagement voraus. Gerade die Beiträge der zahlreichen Besucher der Veranstaltung dürften die Vision von Junge-Reyer hervorgerufen haben. Die Besucher wurden methodisch mit hilfe eines "Themencafé" aktiv eingebunden, dessen Ergebnisse stichwortartig an einer Wandzeitung angebracht und für die Diskutanten auf dem Podium sichtbar wurden
Der Senator für Bildung, Klaus Böger, und die Schulleiterin der Erika-Mann-Grundschule, Karin Babbe, stellten den Beitrag der Kindertagesstätten und Schulen zur Entwicklung in den Berliner Problemkiezen in den Vordergrund. Der Senator bedauert, dass "viele Begabungspotenziale in Berlin ‚verschenkt' werden". Die Schulabbrecherquote ist hoch und der Mangel an ausreichenden Deutschsprachkenntnissen in der nachwachsenden Zuwanderergeneration weit verbreitet. Um so wichtiger seien Aktivitäten, in denen Erzieherinnen und Lehrerinnen mit Projekten ganz neue Wege gehen. Das neue Berliner Schulgesetz soll dies unterstützen. Gerade Schulen in Problemkiezen sollen zu Leuchttürmen mit Ausstrahlungskraft bis in die wohlhabenderen Stadtviertel werden! Aus Sicht des Senators für Inneres, Ehrhart Körting, bewährt sich die Gewaltprävention der Polizei, weil sie mit der Präsenz von Kiezpolizisten in den Stadtteilen, dem Einsatz von Ermittlungsteams auf Quartiersebene und einer abgestimmten Arbeit mit der Staatanwaltschaft problemnah arbeitet. Die Senatorin für Soziales, Heidi Knake-Werner, und der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, Oswald Menninger, stellten die "Stadtteilzentren" mit ihren Angeboten an Nachbarschaftsarbeit, Selbsthilfe und bürgerschaftlichem Engagement in den Mittelpunkt ihrer Beiträge. Sie wirkten stabilisierend in den Quartieren, seien keine Konkurrenz zum Quartiersmanagement und sollten mit ihm zukünftig besser verknüpft werden. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, Michael Müller, hob hervor, dass der Bereich Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung in Zukunft für das Quartiersmanagement noch wichtiger werden wird. Müller hob hervor, dass es beim Quartiersmanagement zukünftig nicht darum gehen wird, dass jedes Themen- und Politikfeld für sich weiter aktiviert wird, sondern sie aufeinander abgestimmt zusammenwirken und sich gegenseitig stärken. In diesem Sinne erwartet er auch, dass alle Berliner Politikbereiche eingebunden werden. Die Innovation des Quartiersmanagement liegt seiner Meinung nach darin, dass es ein ganzheitliches Instrument sei!. "Seine integrative Wirkung gilt es nun zu verstärken!" Hierzu war die Veranstaltung ein nützlicher Baustein!
Quartier macht Schule!
Vor allem in belasteten Quartieren müssen Schulen vielfach mehr leisten, als der eigentliche Stundenplan verlangt. Hier sind Schulen vornehmlich Orte der Integration und multikulturelle Begegnungsstätte - kurzum: ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Alltags und der Bewohner im Kiez. Zugleich stellen Schulen eine bedeutende Schnittstelle dar - die "Kiezgröße" Schule vereint Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen als Multiplikatoren. Was zeichnet "meinen" Kiez aus? Worin liegen seine Qualitäten, wo bestehen Defizite? Eine Beschreibung der Angebote und der Problemfelder im Quartier eröffnet Möglichkeiten, in den Kiez hinein Einfluss auszuüben und die Menschen vor Ort für ihr Umfeld nachhaltig zu sensibilisieren. Durch das Quartiersmanagement und Initiativen von Schulen sind zahlreiche Aktivitäten gestartet worden. Wie kann das schulische Angebot über den Einzelfall hinaus verändert bzw. erweitert werden, damit Schule zum integrativen Ort im Quartier wird? Wo sind Kooperationen möglich, wie können sie aussehen? Welcher Hilfestellungen bedarf es von Seiten der Verwaltungen?